Die neue Fußgängerbrücke über die Große Vils südlich von München verbindet den östlichen Ortsteil Taufkirchens mit dem Stadtzentrum. Abseits der einzigen verkehrsbelasteten Straße ist sie Teil des örtlichen Fuß- und Radwegenetzes. Hinter Kirche und Rathaus ist eine ruhige Oase mit alten Bäumen entstanden, die den naturbelassenen Flusssaum jetzt erlebbar macht.
Dem Ingenieur Prof. Dr.-Ing. Florian Neuner und der Architektin Mechthild Siedenburg aus der Planungsgemeinschaft Zwischenräume stellte sich die Aufgabe, wie ein möglichst flach gespanntes Brückentragwerk ohne störende Anrampungen mit ausreichend lichtem Abstand über das Gewässer geführt werden kann. Sie fanden die Lösung bei einer Gitterträgerbrücke in der historischen Altstadt von Bad Tölz, die einige Jahre zuvor von Florian Neuner erbaut worden war.
Im parkähnlichen Umfeld der Fußgängerbrücke in Taufkirchen wurde das Tragwerksprinzip der Brücke in Bad Tölz aufgenommen, die geometrische Strenge der dort eingesetzten orthogonalen Gitterstruktur aber zugunsten eines organischen Netzes verlassen. Der stählerne Brückensteg mit einer Spannweite von 20 m besitzt einen U-förmigen Querschnitt. 20 mm dicke Stahlblechtafeln aus wetterfestem Baustahl bilden die Geländer, deren Öffnungen im Brennschneidverfahren scharfkantig herausgetrennt wurden. Der ungegliedert erscheinenden Musterung der Seitenwangen liegt ein effizientes statisches Konzept zugrunde: Sie sind nicht nur Geländer, sondern zugleich auch Tragwerk und vereinen in ihrer Struktur zwei sich überlagernde Fachwerke mit breiten Druck- und schmalen Zugstreben. Ober- und Untergurt vervollständigen den Querschnitt des nur 1,30 m hohen Brückenprofils.
Da die Hauptlasten über die beiden Seitenwangen abgetragen werden, ist die mit einem Dünnbelag versehene, 2 m breite Gehwegebene auf ein querversteiftes Blech reduziert. Mit diesem Tragkonzept entfallen die bei Balkenbrücken sonst üblichen schweren Tragprofile. Die Brücke wurde Material sparend in der Werkstatt vorgefertigt und aufgrund der geringen Bauteilquerschnitte mit geringem Aufwand transportiert. Vor Ort wurde sie dann endmontiert und anschließend in einem Stück eingehoben.
Die wechselnd geneigten Schnittflächen der Geländerfüllungen formen sich zu organisch anmutenden Netzen, welche die Vegetation der Flussufer mit ihren schräg geneigten Stämmen reflektieren und reizvolle Licht- und Schattenspiele erzeugen. Die witterungsbedingten Prozesse an der Oberfläche des wetterfesten Baustahls, der sich selbst vor Korrosion schützt, führen zu subtil changierenden Farbigkeiten. Zurücknehmend und doch kraftvoll passt sich der Fußgängersteg in die umgebende Natur ein und belegt damit exemplarisch die konstruktiven und ästhetischen Möglichkeiten, die Bauweise und Material bieten.